Über den Drang zur Eigenentwicklung in der Energiewirtschaft
Ein Wasserleck. Mitten im Haus. Genau dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann.
Wasser läuft. Haupthahn zu. Haus ohne Wasser. Ich rufe einen Installateur an. Besetzt. Den nächsten: „Frühestens in drei Wochen.“ Den übernächsten: „Wir nehmen keine neuen Kunden.“
Irgendwann stand ich vor der Frage: Mache ich es selbst? Ich habe Werkzeug im Keller. Ich habe YouTube. Wie schwer kann es sein?
Ein Gespräch mit Freunden in Japan brachte mich zum Nachdenken. Dort gibt es nicht nur Handwerker, die kurzfristig verfügbar sind – es gibt auch den sogenannten 便利屋さん (Benriya-san), eine Art Allround-Dienstleister, der schnell und unkompliziert erledigt, was im Haushalt anfällt: ein Regal aufhängen, eine Lampe montieren, kleinere Reparaturen. Kein großes Projekt, kein langer Vorlauf.
Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Ist die Tendenz, alles selbst zu machen, eine deutsche Eigenheit? Und was bedeutet das im unternehmerischen Kontext?
Der erste Impuls: Selbst bauen
Viele Energieversorger kennen dieses Muster. Eine neue Anforderung entsteht: ein neues Abrechnungsfeature, eine Kundenportal-Funktion, eine Schnittstelle. Der erste Impuls ist: Wir entwickeln das selbst. Schnell, intern, maßgeschneidert.
Am Anfang klingt das vernünftig. Man kennt die eigenen Prozesse. Man hat die Kontrolle. Die erste Version ist oft in wenigen Wochen fertig.
Doch was passiert danach?
Die versteckten Kosten der Eigenentwicklung
Software, die intern entwickelt wird, muss auch intern gewartet werden. Sie muss weiterentwickelt werden, wenn sich gesetzliche Anforderungen ändern. Sie muss getestet werden, wenn sich andere Systemteile verändern. Und sie muss dokumentiert werden, zumindest in der Theorie.
Ein klassisches Beispiel ist die E-Rechnung. Was als überschaubares Projekt beginnt, wächst mit jeder neuen regulatorischen Anforderung. Jahr für Jahr kommen neue Pflichten dazu: Formatvorgaben, Validierungsregeln, gesetzliche Fristen. Was einmal „schnell gebaut“ war, bindet plötzlich dauerhaft Ressourcen für Wartung, Anpassungen und Tests. Die Marktkommunikation ist da ein gutes Gegenbeispiel: Sie wird bewusst über spezialisierte Dienstleister abgewickelt – weil der Markt verstanden hat, dass der Betrieb dieser Infrastruktur kein Wettbewerbsvorteil ist.
Was am Anfang nach einer schnellen Lösung aussah, wächst sich über die Jahre zu einem erheblichen Aufwand aus. Teams werden gebunden. Budgets werden belastet. Und irgendwann fragt sich niemand mehr, warum diese Lösung eigentlich existiert. Sie ist einfach da, und sie läuft, mehr oder weniger.
Warum gute Software von vielen Kunden lebt
Es gibt einen weiteren Aspekt, der oft übersehen wird. Gute Software wird nicht durch eine gute Idee gut – sie wird gut durch den Einsatz. Durch viele Kunden, unterschiedliche Anwendungsfälle, unerwartete Fehler, echtes Feedback.
Ein Standardprodukt, das bei hundert oder tausend Unternehmen im Einsatz ist, hat diese Reifung durchlaufen. Es wurde mit Anforderungen konfrontiert, die kein einzelnes Unternehmen alleine hätte erfinden können. Es wurde stabiler, schneller, durchdachter, weil der Markt dafür gesorgt hat.
Der Eigenentwicklung fehlt genau diese Feedbackschleife. Sie ist optimiert für einen einzigen Kunden: das eigene Unternehmen. Das ist in manchen Fällen ein Vorteil. In den meisten Fällen ist es eine Einschränkung.
Wann ist Eigenentwicklung sinnvoll?
Das bedeutet nicht, dass Eigenentwicklung grundsätzlich falsch ist. Es gibt Bereiche, in denen proprietäres Know-how tatsächlich ein Wettbewerbsvorteil ist – wo spezifisches Prozesswissen so einzigartig ist, dass kein Standardprodukt es abbilden kann.
Aber diese Bereiche sind seltener, als viele annehmen. Die meisten Anforderungen in der Energiewirtschaft wie Abrechnung, Kundenportal, Marktkommunikation, Reporting, sind keine Alleinstellungsmerkmale. Sie sind notwendige Voraussetzungen, keine Differenzierungsmerkmale.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Können wir das selbst bauen? Sondern: Sollten wir es?
Was das für die Praxis bedeutet
Ein strategisches Vorgehen beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Welche Systeme und Eigenentwicklungen existieren? Welche davon binden Ressourcen, ohne echten Mehrwert zu schaffen? Wo gibt es ausgereifte Marktlösungen, die das Problem besser und kostengünstiger lösen – und dabei von den Erfahrungen vieler anderer Unternehmen profitieren?
Ich habe das Wasserleck übrigens nicht selbst repariert. Ich habe jemanden gefunden. Mit etwas Geduld. Manchmal ist der richtige Spezialist eben die bessere Wahl. Nicht weil man es nicht selbst könnte. Sondern weil es sinnvoller ist.