Ein Freund aus Japan hat mich kürzlich mit einer Bemerkung überrascht: Die Produktivität in Deutschland sei so viel höher als in Japan. Er sagte es anerkennend, fast bewundernd.
Ich habe kurz nachgedacht, und dann gefragt: Was meinst du damit eigentlich genau?
Die Schulaufgabe
Mein Sohn hatte vor einigen Jahren eine klassische Mathematikaufgabe zu lösen: Ein Maler braucht für einen Raum 6 Stunden, ein anderer 8 Stunden. Wie lange brauchen beide zusammen?
Die Lösung ist elegant. Die Produktivität des ersten Malers beträgt 1/6 Raum pro Stunde, die des zweiten 1/8. Zusammen schaffen sie 1/6 + 1/8 = 7/24, also etwa 3,4 Stunden für einen Raum.
Das funktioniert, weil eine entscheidende Voraussetzung erfüllt ist: Die Arbeit ist vergleichbar. Beide streichen Wände. Gleiche Aufgabe, gleicher Maßstab, klares Ergebnis.
Im echten Berufsleben ist diese Voraussetzung selten erfüllt.
Anzahl PowerPoint-Folien pro Stunde?
Nehmen wir das Call-Center-Beispiel. Ein Mitarbeiter führt in einer Stunde drei Gespräche. Ein anderer nur eines, weil er ein komplexes Anliegen eines verärgerten Kunden sorgfältig geklärt hat, der sonst abgewandert wäre. Welcher der beiden ist produktiver?
Die Antwort hängt davon ab, was man messen möchte. Gesprächsvolumen, eindeutig der erste. Kundenbindung und Qualität, möglicherweise der zweite. Langfristiger Unternehmenswert, das lässt sich so einfach nicht sagen.
Produktivität ohne Kontext ist eine Zahl ohne Bedeutung.
Das Problem mit internationalen Vergleichen
Wenn man Produktivität zwischen Ländern vergleicht, wird es noch komplizierter. Die gängige Kennzahl ist das Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde. Deutschland schneidet dabei tatsächlich besser ab als Japan.
Aber was steckt dahinter? Unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen, unterschiedliche Branchen, unterschiedliche Definitionen von Arbeitszeit, kulturell unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine gute Arbeit ausmacht. Japan ist bekannt für eine Arbeitskultur, in der Anwesenheit und Sorgfalt hoch bewertet werden, Werte, die in einfachen Produktivitätskennzahlen kaum auftauchen.
Äpfel mit Birnen zu vergleichen liefert keine Erkenntnis. Es liefert eine Zahl.
Was das für datenbasierte Entscheidungen bedeutet
Ich glaube an die Kraft datenbasierter Entscheidungskultur. Kennzahlen sind wertvoll, wenn man versteht, was sie messen und was sie nicht messen.
Die gefährlichste Form des Umgangs mit KPIs ist nicht, keine zu haben. Es ist, sie unreflektiert zu verwenden. Ein Kennzahlensystem, das Quantität misst, aber Qualität ignoriert, optimiert das Falsche. Es belohnt denjenigen, der drei oberflächliche Gespräche führt, und nicht denjenigen, der ein schwieriges Problem wirklich löst.
Gute Kennzahlen stellen immer zwei Fragen: Was messen wir? Und was sagen uns diese Zahlen über das, was wirklich zählt?
Was bleibt
Produktivität ist kein schlechter Begriff. Aber er ist anspruchsvoller als er klingt. Er verlangt Klarheit darüber, was die Aufgabe ist, was ein gutes Ergebnis ausmacht, und ob die Einheiten, die man vergleicht, tatsächlich vergleichbar sind.
Mein Freund aus Japan und ich haben das Gespräch nicht mit einer Antwort beendet. Aber mit einer besseren Frage.